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Thema Operation Goodwill an der weichen Grenze

 
KASCHMIR
Operation Goodwill an der weichen Grenze
Von Susanne Koelbl, Srinagar
Blutige Gewalt prägt noch immer den Alltag der Menschen in der Region Kaschmir. Doch die Atommächte Indien und Pakistan begreifen allmählich, dass ihnen ein Ende des Dauerkonfliktes gewaltige Vorteile brächte. Denn Indien will zur Supermacht aufsteigen. Und Pakistan möchte das Image abschütteln, Brutstätte des Terrors zu sein.




Dar YasinShabnam Wani (mit Verwandten): Ihren Mann an der Narbe identifiziertSrinagar - Das Foto zeigt einen Mann, dessen Gesicht nur noch eine blutige Masse
ist, über seinen Körper ziehen sich Striemen und Folterspuren. Es ist das letzte Bild von Abdul Rashid Wani, einem Lkw-Fahrer, der am 7. Juli 1997 um 16 Uhr auf dem Weg zum Fruchtmarkt in Srinagar, der Hauptstadt
des indischen Teils Kaschmirs, von der Armee verhaftet wurde.
Seine Ehefrau Shabnam hat das Foto einem Polizeioffizier abgebettelt.
Der gab nur vage Auskunft, was mit Abdul Rashid Wani geschah und wer der
Tote auf dem Foto überhaupt ist, er habe jedenfalls 'mit Terroristen
kollaboriert'. Shabnam identifizierte ihren Mann schließlich an einer
auffälligen Narbe am Fußknöchel.
Zwei Straßen weiter im Stadtteil Bemina sitzt Maimoona Bhat, 46,
zusammengesunken auf einem Bodenkissen. Sie weint. Vor ihr liegt der
Personalausweis ihres Sohnes Zahoor Ahmad, ein Automechaniker. Im August
sollte er die 23jährige Gulshin heiraten.
Zahoor Ahmat Bhat, 28, wurde dieses Jahr am 6. Februar um 14.30 Uhr
erschossen, als er bei Magham, 25 Kilometer westlich von Srinagar, eine
Straßenkontrolle der indischen Armee passierte und nicht sofort
stoppte. Die Uniformierten hielten ihn wie auch Abdul Rashid Wani
für einen militanten Rebellen oder zumindest für einen ihrer
Unterstützer. Das kann hier im malerischen Himalaja-Tal entlang des
Laufs des Jhelum-Flusses schnell tödlich enden, seit der Guerillakampf
zwischen den von Pakistan unterstützten muslimischen Terroristen und den
Indern vor 16 Jahren eskalierte: Beide Länder, Pakistan und Indien,
beanspruchen die Region seit 1947 für sich und der Konflikt kostete
bereits über 60.000 Menschenleben, die meisten davon Zivilisten.
Dar YasinShabnam Wani: Ihr Mann soll mit 'Terroristen kollaboriert' habenAlle Parteien sind hier zu Opfern geworden: Die Rebellen, die den
Anschluss Kaschmirs an Pakistan wollen und einen endlosen, aber
aussichtslosen Krieg gegen die Inder führen. Aber auch die bei den
Kaschmiris ungeliebten indischen Sicherheitskräfte haben zahlreiche
Verluste und sind von der blutigen Auseinandersetzung erschöpft.
Am meisten leidet die Bevölkerung, die beide Seiten fürchten muss: Von
den indischen Sicherheitskräften wird sie drangsaliert, von den
Terroristen bedrängt. Denn die Rebellen nutzen häufig die Häuser
unbeteiligter Dorfbewohner als Unterschlupf.
'Unumkehrbar' sei der Friedensprozess zwischen den verfeindeten Staaten
Pakistan und Indien hatte der pakistanische Präsident Pervez Musharraf
bei seinem Besuch vor zwei Wochen in der indischen Haupstadt Neu-Delhi
erklärt. Premierminister Manmohan Singh stimmte ihm zu, und man mag
zumindest den Staatsmännern abnehmen, dass sich, wie es der
pakistanische Präsidenten-General formulierte, die 'Herzensstimmung'
einander gegenüber grundlegend verändert hat. Beide haben offenbar
eingesehen, dass der Kaschmir-Konflikt vor dem Hintergrund der neuen
politischen und wirtschaftlichen Situation vor allem nach dem 11.
September 2001 kontraproduktiv ist.
REUTERSBus zwischen Srinagar und Muzaffarabad: Farce oder Zäsur?Die Eröffnung einer Buslinie zwischen Srinagar im indischen Teil
Kaschmirs und Muzaffarabad im pakistanischen Teil wurde von alten
Füchsen der Nachrichtendienste im Vorfeld als 'Farce' und 'politische
Kosmetik' abgetan, nur wenige Analysten wollten dies optimistischer als
'Zäsur' deuten wie etwa der Südasien-Spezialist der Berliner Stiftung
Wissenschaft und Politik, Christian Wagner. Tatsächlich aber könnte es
der Anfang einer politischen Lösung sein, zumindest wenn es gelingt, die
geteilte Bergregion nicht nur für getrennte Familien, sondern auch für
den Handel zu öffnen. Den Rebellen würde dies langfristig den Boden
entziehen.
Mit der 'weichen Grenze' könnten beide Staaten leben, nachdem sie wegen
Kaschmir bereits drei Kriege und ungezählte Krisen ausgefochten haben,
zuletzt im Sommer 2002, als nach dem Anschlag auf das indische Parlament
im Vorjahr sogar ein Atomkrieg drohte. Ob es dann irgendwann auch zu der
seit dem jüngsten Gipfeltreffen in Neu-Delhi angestrebten 'endgültigen
Lösung' für Kaschmir kommt, womöglich zur gemeinsamen Verwaltung der
Region, ist jedoch mehr als fraglich.
APRadler am Sperrzaun bei Ajmat Beli: Mit einer 'weichen' Grenze könnten beide Staaten lebenDer Sinneswandel der alten Feinde, die in Kaschmir nun immerhin schon
seit 2003 einen Waffenstillstand halten, hat vor allem pragmatische
Gründe: So ist Indiens Blick längst nicht mehr ausschließlich auf
Pakistan gerichtet, sondern vor allem auf den sich erhebenden
Wirtschaftsriesen China. Die säkulare Demokratie Indien mit über einer
Milliarde Menschen will in der Region zur Supermacht aufsteigen,
politisch sowieso, aber auch wirtschaftlich. Sie strebt, wie
Deutschland, einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat an, und dafür
benötigt das Land auch die Unterstützung der Amerikaner, die vor allem
an stabilen Verhältnissen zwischen den beiden Atommächten interessiert
sind.
Musharrafs Kehrtwende, den Hardlinern der Befreiungsfront künftig die
Unterstützung zu entziehen, bringt jedoch die Militanten im eigenen Land
gefährlich gegen den Präsidenten-General auf. Zu viele sind gestorben und
zu viele haben ihre heilige Mission im Kampf um die 'Befreiung' der
Provinz Kaschmir gefunden, als dass sie ihr Ziel aufgeben wollten.
Doch offenbar ist es Musharraf ernst, obgleich bei den letzten
Anschlägen auf ihn neben Angehörigen der Streitkräfte auch radikale
kaschmirische Gruppen beteiligt waren: Der 61-Jährige, der sich selbst an
die Macht putschte, will womöglich als Friedensstifter zwischen Indien
und Pakistan in die Geschichte eingehen.
Der Frieden für die Menschen in Kaschmir ist jedoch noch so weit
entfernt wie die Erde vom Mond. Zwar liegt der berühmte Dal-See sanft
schimmernd unter der majestätischen Bergkette und die Hotelboote, die
auf Wochenend-Touristen warten, säumen wie auf einer Perlenschnur
aufgereiht das Ufer. Doch es vergeht kein Tag, an dem sich die
Kontrahenten in der Region entlang des Jhelum-Flusses kein Scharmützel
liefern, sich Militante in einem Haus verschanzt halten und die Armee
sie gerade ausräuchert. Heute ist es im Dorf Bangar Bora, eine halbe
Autostunde von Srinagar entfernt.
Dar YasinMaimoona Bhat (r.): Ihr Sohn wurde erschossenEine Kuh liegt mit aufgerissenen Augen tot auf dem Schotterboden der
engen Dorfgasse. Eben haben indische Sicherheitskräfte das Haus des
Tagelöhners Mohammed Ismail, 35, gesprengt und Soldaten bergen die
blutigen Überreste zweier mutmaßlicher Guerillakämpfer aus einem Berg
von Brettern und Steinen. 'Wir sind arm, wie soll es jetzt weitergehen?',
schluchzt Ismails 20-jährige Schwester Rafika.
Es gibt kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen in dieser zwei
Generationen dauernden Auseinandersetzung verloren hat. Die sogenannten
Märtyrerfriedhöfe in der Provinz sind überfüllt, Neuzugänge können hier
oft gar nicht begraben werden.
Doch mit Härte allein ist dieser Krieg nicht zu gewinnen, und deshalb
änderte Neu-Delhi vor ein paar Jahren die Strategie: Eine staatliche
Menschenrechtsorganisation sollte die brutalen Übergriffe auf die
Bevölkerung aufklären und verfolgen. Als der Dorfälteste Gholam Mohammed
Malik, 65, aus Dahrana, rund 60 Kilometer südlich von Srinagar,
gegenüber dem Juristen und Vorsitzenden der Kommission, Ali Mohammed
Mir, schildert, wie Soldaten am 16. August vergangenen Jahres die Häuser
im Morgengrauen umstellten und durchsuchten, die Bewohner schlugen und
beschimpften, weil sie angeblich Terroristen unterstützten, bekommt er
lediglich zu hören: 'Mach nicht so eine große Sache daraus.'
DER SPIEGELDoch die Armee bemüht sich, ihr Image aufzupolieren. Die aktuelle
Operation heißt nicht mehr, wie früher, 'Catch and Kill', sondern
'Operation Goodwill': Plakate zeigen Soldaten als Freund und Helfer, an
den Checkpoints offeriert das Militär 'Telefonnotdienste': 'Wir sind
immer für Sie da.' Neuerdings baut die Armee sogar Schulen, die in den
Dörfern dringend benötigt werden. Doch wird dort, ein geschickter
Schachzug, der wohl langfristig wirken soll, morgens die indische
Nationalhymne gesungen und im Geschichtsunterricht die indische Variante
des Kaschmir-Konflikts gelehrt. Die Kaschmiris sehen die neue Zeit mit
Skepsis.
Nur wenige Fremde erhalten Zugang in den anderen Teil Kaschmirs, dem
sogenannten Freien Kaschmir auf pakistanischer Seite. Das Gebiet wird
von pakistanischen Beamten verwaltet und vom Militär und den
Geheimdiensten lückenlos kontrolliert, obwohl es hier so friedlich ist
wie im oberbayerischen Oberammergau und eigentlich auch so aussieht.
Flüchtlinge aus dem indischen Teil dürfen Besuchern nur unter Aufsicht
ihre Geschichte von Unterdrückung, Folter und Flucht erzählen, wie etwa
der frühere Englisch-Lehrer Mohammed Abdullah Shah, 60, aus Kupwara. Der
grauhaarige Mann sieht gebrechlich aus und erzählt leise, wie ihn die
indische Armee vor 20 Jahren dreimal in Verhörzentren brachte,
folterte und schließlich mit dem Tode bedroht habe, weshalb er hierher
geflohen sei, und selbstverständlich sei er auch für den Anschluss
Kaschmirs an Pakistan. Wer hier weder zu Indien noch zu Pakistan
gehören will und sich einen unabhängigen Staat wünscht, sagt das besser
nicht, schon gar nicht öffentlich.
In Srinagar wiederum, auf der anderen Seite der Trennungslinie, hat sich
die Witwe Shabnam Wani einem Kreis protestierender Angehöriger der zu
Tode Gefolterten und Verschwundenen angeschlossen, von denen es heißt, es seien Tausende. Immer am 25. im Monat trifft sich die Gruppe mitten in der Stadt, um schweigend für die Aufklärung der Todesfälle zu
demonstrieren.
Es bringe ihren Mann nicht zurück, sagt Shabnam Wani, die ihre zwei
Söhne inzwischen alleine großgezogen hat: 'Aber wir tun etwas, und wir
werden das so lange tun, bis das hier aufhört.'



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